Forever Now: Es geht auch länger.

#Post #JohnCage #Bikinifotos #Interstellar #Brian Eno

Oh, ich habe Termine verpasst? Die nächste Ausgabe sollte längst fertig sein? Also diese Uhr hier hat erst zweimal geschlagen, es immer noch 02017. Wie bitte was? Ich höre gerade Musik. Der nächste Ton kommt schon in wenigen Wochen. Schade, dass ich das Ende verpassen werde, es ist ein echter Jahrhundertsong. Sechs Jahrhunderte, um genau zu sein, und 39 Jahre ist er lang. Erdenzeit, und keine Tricks wie in „Interstellar“. Zeit ist Raum, Zeit ist Geld, Zeit ist eine Dimension, Zeit ist nur ein Wort. In unserer post-faktischen Epoche sollte es leicht fallen, der Zeit ein „Fake!“ ins Gesicht zu schleudern und sich nicht weiter um sie zu scheren. Dass Zeitempfinden subjektiv ist, weiß jeder, der schon einmal auf der Post Schlange stehen musste. Warum also nicht gleich diese ganze Verbindlichkeit aufgeben und ein bisschen dehnen und strecken.

Genau das passiert auch schon, zum Beispiel in Halberstadt. Dort steht eine Orgel, die speziell dafür gebaut wurde, einen Song von John Cage genau nach dessen Anweisung aufzuführen. Der Song heisst „Organ/ASLSP“, also „As Slow As Possible“, und das lassen sich findige Menschen nicht zweimal sagen. 1997 entschied sich eine Gruppe von Musikern und Philosophen, „so langsam wie möglich“ mit 639 Jahren anzusetzen. Die Orgel ist deshalb Bedingung, weil dieses Instrument ununterbrochen Klang erzeugen kann; die Kathedrale von Halberstadt scheint ein sicherer Ort dafür zu sein. Und da steht sie nun und wechselt von Note zu Note jeweils am fünften Tag eines Monats, der letzte Notenwechsel fand am 5.10.2013 statt, der Schlusston ist für den 5.9.2640 geplant.

Was sind dagegen schon die lächerlichen 30 Stunden, die „The Long Now“ dauert, ein musikalisches Gesamtkunstwerk, das im Kraftwerk bisher im Rahmen des Atonal-Festivals stattfand, dieses Jahr dort aber schon im März im Rahmen der „MaerzMusik − Festival für Zeitfragen“. Das Publikum lässt sich gerne auf die Gesamtdauer ein, die aufgestellten Betten sind immer belegt.

 

Berlin Atonal, 2016

Es ist The Long Now Foundation, die unter der Leitung Stewart Brands von San Francisco aus seit 01996 diese Denkweise der langen Perspektive in die Welt setzt. Ihr größtes Projekt ist „The Clock of the Long Now“ oder die „10.000-year clock“. Das ist eine monumentale mechanische Uhr, ein gigantischer Zeitmesser der nächsten 10.000 Jahre. Sie tickt einmal im Jahr, schlägt jedes Jahrhundert, und beim Jahrtausendwechsel kommt der Kuckuck heraus. Computer-Wissenschaftler Danny Hillis, der die Uhr 01986 entworfen hat, beeilte sich mit dem Bau, so dass er sie wenigstens einmal schlagen hören würde. Der Zweck der Uhr sei es, unseren Blickwinkel auf Zeit so zu verändern, wie die Fotos aus dem All, auf denen unsere Erde nur ein kleiner Fleck ist, den Blickwinkel auf unsere Um-Welt verändert haben. „Tiefenzeit“ nennt das Stewart Brand.

Ich kann das gut nachvollziehen – als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wie ich auf dem Mond sitze und von dort aus gesehen meine Probleme lächerlich klein sind. Ein faszinierendes, und sehr weites (langes) Thema jedenfalls. Alle offenen Fragen dazu, alle Implikationen, Neuigkeiten, Ausblicke – all das wird, unter anderem, in der nächsten Ausgabe der möRRR behandelt werden.

Wann die erscheint? Naja, sobald unser Team geschlossen an einem Seminar teilgenommen hat, das von Brian Eno (von ihm stammt der Name „Long Now“) abgehalten wird. Der Titel ist: „Die langfristige Denkweise“. Wie lange das dauern wird? Naja, schwer zu sagen …

In der Zwischenzeit widme ich mich ganz meiner Reiki-Aufgabe für diesen Tag:
„Just for today I will not worry.“